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Booklover Challenge 2022 Lesemonat Rezension 2022

Rezension Herr Lehmann von Sven Regner

Kreuzberger sind schon komische Vögel. Sie sitzen Abend fĂŒr Abend am Tresen, trinken Kristallweizen ohne Zitrone und gehen erst ins Bett, wenn Mutti in Bremen schon wieder aufsteht. Und wenn draußen die Mauer fĂ€llt, bestellen sie erst mal in Ruhe noch ein Bier. Denn was ist schon das Ende der Geschichte (denkt sich der Leser am Ende dieser Geschichte) gegen die Frage, ob die Zeit schneller oder langsamer vergeht, wenn man betrunken ist?

Herr Lehmann ist Kreuzberger. Kreuzberger sind Menschen, die irgendwann einmal aus Schwaben, Achim oder Herford nach Berlin gekommen und dort „hĂ€ngen geblieben“ sind. Herr Lehmann kommt ursprĂŒnglich aus Bremen und möchte eigentlich Frank genannt werden, aber das ignorieren seine Freunde: denn bald ist Herrn Lehmanns dreißigster Geburtstag. Und 30 Jahre alt zu werden, weiß Herr Lehmann, ist Scheiße, weil man da langsam „beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen Scheiß.“ Und weil auf einmal alle anfangen zu fragen, was man denn bitte schön anfangen wolle mit dem eigenen Leben. Denn dass jemand zufrieden damit ist, Kellner zu sein, ist in dieser Stadt, in der alle „eigentlich KĂŒnstler“ sind, nicht vorgesehen — „aber was ist das fĂŒr ein trauriger Umgang mit dem, was man tut, wenn man es immer nur als Zwischenlösung ansieht, als nichts Richtiges?“

Sven Regener kennt, wovon er schreibt. Als SĂ€nger und Texter der Berliner Band Element of Crime ist er seit genau jenen SpĂ€tachtzigern, in denen die Romanhandlung spielt, immer auch genauer Chronist eines Kreuzberger LebensgefĂŒhls jenseits von „Kreuzberger NĂ€chte sind lang“ gewesen. Mit Herr Lehmann ist ihm das erstaunliche KunststĂŒck gelungen, jene zĂ€rtlich-rotzige Nonchalance, die seine Lieder auszeichnet, umstandslos in die lange Form zu ĂŒberfĂŒhren — und das gleich in seinem literarischen Erstlingswerk!

Mit seinem Roman setzt Regener jenem merkwĂŒrdig zeitlosen Kreuzberg der Vorwendezeit, das einem heute so weit weg erscheinen will, so etwas wie ein Denkmal — fĂŒr die Zeit Damals hinterm Mond. Doch trotz so schöner Einsichten wie „Der Elekrolytmangel ist der grĂ¶ĂŸte Feind des Trinkers. Von der Dehydrierung einmal abgesehen“, geht es hier keineswegs nur ums BohĂšme-Leben im Allgemeinen und ums Trinken im Besonderen. Das Ganze ist nĂ€mlich auch eine Art Entwicklungsroman — freilich zu Kreuzberger Bedingungen: Muss doch der Held — fĂŒr den es anfangs noch eine Qual ist, wenn er auf dem Weg von Kreuzberg nach Kreuzberg durch Neukölln muss — gegen Ende des Romans immerhin zur Kenntnis nehmen, dass es auch hinter der OberbaumbrĂŒcke noch Menschen gibt. Das Ende der Geschichte? Erst mal losgehen, denkt sich Herr Lehmann. „Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.“ PflichtlektĂŒre fĂŒr die JahrgĂ€nge 1959-1969, fĂŒr Kreuzberger sowieso. –Axel Henrici

Quelle Goodreads

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Rezension Eisige Schwestern von S.K. Treymane

Ein Jahr nachdem die sechsjĂ€hrige Lydia durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, sind ihre Eltern Sarah und Angus psychisch am Ende. Um neu anzufangen, ziehen sie zusammen mit Lydias Zwillingsschwester Kirstie auf eine atemberaubend schöne Privatinsel der schottischen Hebriden. Doch auch hier finden sie keine Ruhe. Kirstie behauptet steif und fest, sie sei in Wirklichkeit Lydia, die Eltern hĂ€tten den falschen Zwilling beerdigt. Bald hĂŒllen Winternebel die Insel ein, Angus ist beruflich oft abwesend, und bei Sarah schleicht sich das unheimliche GefĂŒhl ein, etwas stimme nicht. Zunehmend fragt sie sich, welches ihrer MĂ€dchen lebt. Als ein heftiger Sturm aufzieht, sind Sarah und Kirstie komplett isoliert und den Geistern der Vergangenheit ausgeliefert.

Die ersten Kapitel beginnen spannend, aber dann wird die Handlung immer mysteriöser und seltsam. Die Story zieht sich dann wie Kaugummi und ist unglaubwĂŒrdig. Dieses gilt auch fĂŒr das vollkommen an den Haaren vorbeigezogene Ende.

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Rezension Kaffee und Zigaretten von Ferdinand von Schirarch

Ferdinand von Schirachs neues Buch »Kaffee und Zigaretten« verwebt autobiographische ErzĂ€hlungen, Aperçus, Notizen und Beobachtungen zu einem erzĂ€hlerischen Ganzen, in dem sich Privates und Allgemeines berĂŒhren, verzahnen und wechselseitig spiegeln. Es geht um prĂ€gende Erlebnisse und Begegnungen des ErzĂ€hlers, um flĂŒchtige Momente des GlĂŒcks, um Einsamkeit und Melancholie, um Entwurzelung und die Sehnsucht nach Heimat, um Kunst und Gesellschaft ebenso wie um die großen Lebensthemen Ferdinand von Schirachs, um merkwĂŒrdige RechtsfĂ€lle und Begebenheiten, um die Idee des Rechts und die WĂŒrde des Menschen, um die Errungenschaften und das Erbe der AufklĂ€rung, das es zu bewahren gilt, und um das, was den Menschen erst eigentlich zum Menschen macht. In dieser Vielschichtigkeit und Bandbreite der erzĂ€hlerischen AnnĂ€herungen und Themen ist »Kaffee und Zigaretten« das persönlichste Buch Ferdinand von Schirachs.

»Wir mĂŒssen verstehen, wie wir wurden, wer wir sind. Und was wir wieder verlieren können. Als sich unser Bewusstsein entwickelte, sprach ja nichts dafĂŒr, dass wir einmal nach anderen Prinzipien handeln wĂŒrden, als unsere Vorfahren. Aber wir gaben uns selbst Gesetze, wir erschufen eine Ethik, die nicht den StĂ€rkeren bevorzugt, sondern den SchwĂ€cheren schĂŒtzt. Das ist es, was uns im höchsten Sinn menschlich macht: die Achtung vor unserem Nebenmenschen.«

Quelle Goodreads